Samstag, 21. Oktober 2017

Familienforschung und Patchworkfamilien

Wenn wir mal etwas genauer darüber nachdenken, dann sind Patchworkfamilien keine Erfindung der letzten paar Jahre - es ist nur so, dass wir erst seit ein paar Jahrzehnten einen Namen dafür gefunden haben. 

Gehen wir doch einfach mal in Gedanken 200 Jahre zurück. Eine "normale" Familie. Vater, Mutter, Kinder. Nehmen wir an, die Mutter stirbt bei der Geburt ihres fünften Kindes im Kindbett. Was macht der Vater? Logisch, er kann allein seine Kinderschar nicht oder nur mit großen Schwierigkeiten (vor allem logistischer Natur) versorgen, also sucht er sich nach angemessener Zeit eine neue Ehefrau. Wenn diese Ehefrau dann ihrerseits auch noch Kinder mit in die Ehe bringt, dann haben wir im Grunde genau das, was wir heute als "Patchworkfamilie" bezeichnen. Der einzige Unterschied ist, dass wir heute nicht mehr sofort heiraten (müssen), weil sich das Gesellschaftsbild insoweit verändert hat, als man nicht mehr schief angesehen wird, wenn man nicht sofort den Weg zum Standesamt antritt.

Oder eine andere Konstellation: Ein Ehepaar nimmt, sei es aus ideellen oder finanziellen Gründen, ein Pflegekind bei sich auf, und zwar nicht nur kurzfristig, sondern über Jahre. Patchwork.

Wie behandelt man also solche Patchworkfamilien in der Familienforschung? 

Für mich ist das einer der Fälle, in denen es kein Richtig oder Falsch gibt, aber wenn man sich wirklich für die Lebensumstände seiner Vorfahren interessiert und nicht nur für die bloßen Geburts- und Sterbedaten, dann sollte man sich auch mit denjenigen auseinandersetzen, die im selben Haushalt gewohnt haben, mit denen der Vorfahr aber selbst nicht blutsverwandt war. Gut, diese Auffassung kann bei mir auch damit zusammenhängen, dass ich mit einem anderen Familienbegriff sozialiert worden bin als die meisten meiner Vorfahren, aber hauptsächlich geht es mir doch darum, ein möglichst vollständiges Bild vom Leben derjenigen Personen zu bekommen, die ich gerade erforsche. Nehmen wir an, im ersten Beispiel oben wäre meine direkte Vorfahrin eben jenes fünfte Kind, bei dessen Geburt die Mutter stirbt. Die Familie, in der sie aufwachsen wird, besteht aus ihrem Vater, der Stiefmutter und den Stiefgeschwistern. Wenn mit diesen Stiefgeschwistern etwas passiert, sei es Tod durch Unfall oder Krankheit, oder meinetwegen auch die Auswanderung über den großen Teich mit der Wahrscheinlichkeit, den anderen nie wieder zu sehen, würde meine Vorfahrin dann einfach bloß mit den Schultern zucken und sagen, "Ach, betrifft ja nicht mich, ist ja nur meine Stiefschwester..."? Ich glaube nicht.

Und das ist für mich das schlagende Argument, zumindest ansatzweise auch nach denjenigen zu suchen, die mit meinen Vorfahren unter einem Dach lebten.

Eine Patchworkdecke lebt davon, dass ihr Anblick nur durch die einzelnen Stücke vollständig wirkt. Insofern ist der Ausdruck "Patchwork" eigentlich ganz treffend - bei Familien ist es genauso.

Mittwoch, 27. September 2017

Eine ungewöhnliche Totgeburt

In den Wertheraner Sterberegistern des Jahres 1926 findet sich ein relativ merkwürdiger Eintrag:

"ein totes Kind, dessen vorherrschendes Geschlecht nicht festgestellt werden konnte"

Ich dachte zuerst, ich hätte mich verlesen. Hatte ich aber nicht. Aber dieser Eintrag gibt mir doch zu denken - wie kann das sein?



Die erste Möglichkeit wäre, dass es sich um ein Frühchen handelte. Das ist aber eher unwahrscheinlich, denn die äußeren Geschlechtsmerkmale lassen sich beim Fötus schon ab der 15. Schwangerschaftswoche erkennen, wie mir Wikipedia erklärt. Also noch vor dem Zeitpunkt, in dem eine Mutter die Bewegungen ihres Kindes spüren kann (Quelle: Wieder Wikipdia. Da kann ich nicht aus eigener Erfahrung sprechen). Das Kind müsste also noch vor der 15. Schwangerschaftswoche zur Welt gekommen sein.

Gegen diese Theorie spricht auch, dass erst seit ein paar Jahren totgeborene Kinder mit einem Gewicht unter 500 Gramm überhaupt ins Personenstandsregister eingetragen werden können. Seinerzeit galt zwar noch das "Reichsgesetz über die Beurkundung des Personenstands und die Eheschließung" von 1875 fort, aber auch da findet sich keine Regelung darüber, was denn nun genau unter dem Begriff "Geburt" zu verstehen ist. Fielen Frühgeburten auch darunter? Gab es damals auch Verwaltungsvorschriften, die so etwas geregelt hätten?

Noch ein Punkt spricht gegen die Frühchen-Theorie: Das Kind kam im Krankenhaus zur Welt. Wenn es sich um tatsächlich um eine Frühgeburt in einem so frühen Stadium handelte, dann wäre sie wahrscheinlich eher zu Hause passiert als im Krankenhaus.

Die zweite Möglichkeit: Das Kind hatte sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsmerkmale. 
Das ist die Theorie, die ich für plausibel halte. Damals hätte man wohl von "missgebildet" oder "Zwitter" gesprochen, heute heißt es ganz neutral "intersexuell". Intersexualität kommt übrigens öfter vor, als man meinen sollte; Schätzungen gehen in Deutschland von 0,1 % bis 0,2 % der Bevölkerung aus (genaue Zahlen gibt es wohl nicht). Demnach wäre ungefähr jeder Tausendste oder sogar jeder Fünfhundertste betroffen. Intersexualität muss auch nicht schon bei der Geburt auffallen, denn es gibt durchaus zum Beispiel Kinder, die mit eindeutig männlichen Geschlechtsteilen geboren werden, aber trotzdem auch Eierstöcke besitzen.

Ich nehme also an, dass man bei dem kleinen Würmchen hier auf den ersten Blick sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsteile erkennen konnte. Anders kann ich mir den Eintrag nicht wirklich erklären. Falls jemand eine andere Erklärung hat, dann kann er/sie auch gerne einen Kommentar hinterlassen.

Ach ja, eine Sache noch:

Normalerweise erwähne ich in meinen Posts hier ja auch immer die Personalien der Betroffenen. In diesem Fall hier kenne ich sie natürlich auch, verzichte aber darauf, sie hier öffentlich zu machen, und zwar aus einem ganz logischen Grund: Dieses Kind wurde 1926 geboren; es kann also durchaus sein, dass es noch jüngere Geschwister hat, die noch am Leben sind. Deshalb: Wer wissen will, um welche Familie es hier geht, der kann ja ganz einfach selbst nachgucken...

Donnerstag, 21. September 2017

Veranstaltungshinweis: Die Reformation in Westfalen

Diesen Flyer hier habe ich eben in meinem Briefkasten gefunden:
An sich finde ich das Thema höchst interessant, aber mein Forschungsschwerpunkt liegt eben nicht im 16. Jahrhundert, so dass ich wohl schweren Herzens verzichten werde. Im Moment bin ich froh über jedes Wochenende, an dem nichts anliegt, und hier ist es ausgerechnet das lange Wochenende mit dem Reformationstag als zusätzlichem Feiertag und Allerheiligen.

Der Vollständigkeit halber hier aber trotzdem noch das Programm:

Anmeldungen bis zum 13. Oktober an den LWL .

Mittwoch, 20. September 2017

Wir haben mal wieder die Wahl

... im Gegensatz zu vielen unserer Vorfahren! Wenn wir also am Sonntag unseren Umschlag in die Wahlurne werfen, um über die Zusammensetzung unseres Parlamentes zu bestimmen, dann ist das ein Moment, in dem wir etwas tun, das die meisten unserer Vorfahren sicherlich sehr gerne getan hätten.

(Für mich ist das schon Grund genug, tatsächlich meine Stimme abzugeben, obwohl ich auch diejenigen verstehe, die zum Beispiel den Wahlzettel großzügig durchstreichen und "alle nicht wählbar!" oder ähnliches draufschreiben. Mein Verständnis endet aber bei denen, die überhaupt nicht vom Sofa hochkommen und sich dann hinterher beschweren, dass sie ja keiner gefragt habe...)

Für uns Familienforscher ist das eine Gelegenheit, um mal kurz inne zu halten und sich zu fragen, ob wir denn wissen, was unsere Vorfahren denn so gewählt haben. Oder haben sie sich vielleicht sogar wählen lassen? Gehörten sie einer Partei an (die Frage der Parteizugehörigkeit sollte sich schließlich nicht auf die NSDAP beschränken)? Oder einer parteinahen Organisation (ich denke da zum Beispiel an Arbeitervereine)? Oder schwangen sie gerne Stammtischreden?

Ich gebe zu, dass es schwierig ist, hier Quellen zu finden, um die Annahmen, von denen wir vielleicht ausgehen, belegen zu können. Ganz unmöglich ist es aber nicht. Ich denke da zum Beispiel an Tagebücher, in denen jemand entweder seine eigene politische Haltung festgehalten oder die eines anderen kommentiert hat (à la "Vater hat mal wieder die KP gewählt, so wie immer"). Oder an Mitgliederlisten von Ortsvereinen.

Wer weiß, was da nicht noch alles in Archiven schlummert?

Frage an alle: Welche Erfahrungen habt Ihr schon mit solchen Quellen gemacht? Wo findet man was? 

Dienstag, 19. September 2017

Asche auf mein Haupt!

Mir ist gerade aufgefallen, dass ich hier seit beinahe zwei Monaten nichts mehr gepostet habe.

Könnte auch daran liegen, dass ich zwischendurch im Urlaub war, und zwar hier: 


Am Beech Hill Pond in Maine!

Es ist aber nicht so, dass wir die ganze Zeit nur am See herumgelungert hätten - in Maine gibt es auch das hier: 

Unser Besuch galt aber (leider?) nicht dem Maine State Archive, sondern dem Maine State Museum. Für alle, die mal zufällig nach Augusta kommen: Das Museum ist wirklich gut! Ich war in den letzten 22 Jahren drei Mal dort, und ich würde es mir (in ein paar Jahren) auch noch ein viertes Mal angucken!

Soviel also zur kreativen Pause. Die hatte ich auch dringend nötig... ;-) Aber jetzt wird man hier wieder öfter von mir hören! 

Sonntag, 16. Juli 2017

Die unvorhergesehenen Nebeneffekte der Familienforschung

Ich kann es selbst kaum glauben, aber mit der Familienforschung habe ich vor ungefähr 20 Jahren angefangen. Überflüssig zu sagen, dass ich bis heute noch nicht fertig geworden bin damit, denn sonst würde ich jetzt nicht hier sitzen und mir meine Gedanken darüber machen, welche Auswirkungen mir diese wunderbare Beschäftigung in diesen zwei Jahrzehnten beschert hat... und da kommt einiges zusammen. 

Ich bin geduldiger geworden. Wenn mir früher jemand gesagt hätte, dass ich heute stundenlang über schwer entzifferbaren Handschriften hocken können würde, nur um einen einzigen Kaufvertrag für ein Grundstück zu transkribieren, das heute in der Form überhaupt nicht mehr existiert, dann hätte ich ihn für leicht ... na sagen wir mal: "optimistisch" gehalten. 

Ich bin gelassener geworden. Wenn man ewig lange nach einem bestimmten Sterbeeintrag sucht, nur um ihn dann in einem Ort zu finden, an dem man am wenigsten damit gerechnet hat, dann weiß man, dass es einem mit den anderen "Baustellen" im Stammbaum auch genauso gehen kann. Manchmal werden tote Punkte auch durchaus wieder lebendig. Wenn ich heute nicht finde, was ich suche, dann vielleicht morgen. Oder übermorgen. Oder im nächsten Jahr. 

Ich bin geselliger geworden. Früher gehörte ich zu denen, die nur im stillen Kämmerlein für sich allein vor sich hin geforscht haben. Heute ist das anders. Ich habe kein Problem, mich einzubringen, und mich interessiert auch, was die Forscherkollegen so alles aus der Vergangenheit wieder ans Licht bringen. 

Ich interessiere mich für Geschichte. Was damals in der Schule nun so gar nicht der Fall war. Das lag wahrscheinlich am klassischen Frontalunterricht und auch daran, dass man mich in der fünften Klasse gleich mit der Dorischen Wanderung quälte. "333 - Issos Keilerei" ist zwar auch bei mir hängen geblieben, aber ich habe damals nicht verstanden, was denn nun die Geschichte als solche überhaupt mit mir zu tun haben könnte. Falls ich in den neun Jahren am Gymnasium etwas von der Franzosenzeit gehört haben sollte, dann ist es bei mir jedenfalls nicht hängen geblieben. Den Ersten und auch den Zweiten Weltkrieg haben wir mehr oder weniger auch nur gestreift, wenn ich mich nicht sehr irren sollte. Im Grunde habe ich in jeder Geschichtsstunde gedanklich abgeschaltet und sie über mich ergehen lassen (oder aber die Zeit konstruktiv genutzt und meine Englisch-Hausaufgaben erledigt). Das hat sich in den letzten zwanzig Jahren doch ziemlich geändert. Eigentlich hat sich mein Geschichtsverständnis, so traurig wie es ist, nicht mal ansatzweise in der Schule entwickelt, sondern rein aus der Neugier heraus, zu begreifen, was meinen Vorfahren damals so alles passiert ist und unter welchen Umständen sie lebten - und starben. Sprich: Wenn die Neugier erst mal geweckt ist... 

Ich bin unendlich dankbarer geworden. Das ist wahrscheinlich die größte Veränderung, die ich bei mir festgestellt habe. Und damit hätte ich selbst auch in dieser Form nicht wirklich gerechnet. 

Wenn ich mein Leben mit denen meiner Vorfahrinnen vergleiche, dann hatten viele von ihnen nicht den Luxus, den ich heute habe: Ich bin jetzt 43 Jahre alt, gewollt kinderlos, habe nicht nur die Schule abgeschlossen, sondern auch noch ein Studium zwei Staatsexamina drangehängt (und füttere mein Hirn auch heute noch gerne bei Fortbildungen), bin beruflich selbstständig und habe mich nach zwanzig Jahren nichtehelicher Lebensgemeinschaft dazu hinreißen lassen, mit dem Mann, den ich auch tatsächlich liebe, vor die Standesbeamtin zu treten (und das nicht, weil unsere Bauernhöfe so schön zusammen gepasst hätten oder sich unsere Eltern sonstige finanzielle oder gesellschaftliche Vorteile von dieser Allianz erhofft hätten). Das ist ein Lebenslauf, den ich in den Generationen vor mir nicht gefunden habe, schon alleine, weil die gesellschaftlichen Zwänge einfach anders waren als heute - früher hätte man mich als Schlampe oder Hure geächtet, wenn ich mit meinem Mann so lange zusammengelebt hätte, ohne ihn zu heiraten (es sei denn, es wäre gar nicht erst soweit gekommen, weil ich schon an der Schwindsucht oder im Kindbett gestorben wäre). Zwar habe ich immer noch stark daran zu knabbern, dass mein Vater im Februar gestorben ist, aber ich bin unendlich dankbar, dass ich ihn so lange bei mir haben durfte, und dass ich bis auf ihn und meine beiden Großeltern 1986 und 1991 von Todesfällen im engeren Familienkreis verschont worden bin. Ich bin heilfroh, dass meine Mutter noch da ist, sie mich mit ihrer Energie und ihrer pragmatischen Art auf Trab hält, ich sie fast jeden Tag sehe und sie mich unterstützt, wo sie nur kann. Ich musste, anders als viele meiner Vorfahrinnen, dank der medizinischen Entwicklung des letzten Jahrhunderts, auch zum Beispiel nicht hilflos mit ansehen, wie die Hälfte meiner zahlreichen  und schicksalsbedingten Kinder an irgendwelchen ansteckenden Krankheiten starb, und mich trotzdem zwingen, irgendwie weiterzumachen, weil die - noch - überlebende Hälfte ja nun auch noch versorgt werden wollte. Wenn ich heute Hunger habe, dann gehe ich zum Kühlschrank oder setze mich mal gerade ins Auto und fahre zum Supermarkt - ich laufe nicht Gefahr, zu verhungern, nur weil die Ernte mal schlecht gewesen ist. Jedem ist klar, dass ich eine eigene Meinung habe, ich sie auch haben darf, und dass ich im Zweifelsfall auch kein Problem habe, sie zu äußern. Das unterscheidet mich auch heute noch (schlimm genug) von vielen Frauen auf dieser Welt: Ich darf Ich sein.  

Laufe ich nun deswegen wie eine Heilige durch die Welt? Nee, ganz bestimmt nicht. Wer mich kennt, der weiß, dass ich erschreckend weit davon entfernt bin (und ich das teilweise auch noch mit diebischem Vergnügen genieße). Aber es schadet nichts, wenn man sich mal ab und zu vor Augen führt, wie gut es einem doch geht und mit welchen Luxusproblemen man sich eigentlich oft herumschlägt. Wenn ich mal einen Sch*-Tag habe (und die hatte ich im letzten Jahr zur Genüge), dann hilft's jedenfalls ein bisschen, um mich wieder einzunorden. 

Vielleicht wäre ich auch ohne meine Familienforschung zu dieser Einsicht gekommen - aber so kann ich es immerhin an praktischen Beispielen festmachen. Zusammengefasst könnte man auch sagen: Ahnenforschung erdet ungemein. 




Donnerstag, 15. Juni 2017

Die Meisterin der Fußnoten

Als ich mit "Werthers Gedächtnis" anfing, war das ein Projekt, an dem ich einfach nur für mich allein herumwerkelte. Hätte ich damals geahnt, was sich daraus entwickelt (und wie umfangreich es tatsächlich wird), dann hätte ich einige Kleinigkeiten anders gemacht...

Ein Beispiel sind die Fußnoten. Die Unmengen von Fußnoten, um genau zu sein. 

Wenn man so allein vor sich hinarbeitet, dann entwickelt man für sich sein eigenes System. Meins war, dass ich alle Daten, die ich in Kirchenbüchern fand, einfach nur eintrug, aber ohne Quelle. Mein Gedanke: "Wenn nichts dabei steht, steht's im Kirchenbuch. Finde ich bei Bedarf schon wieder. Und außerdem würden das ja viel zu viele Fußnoten..."

Irgendwann kam ich dann an den Punkt, an dem ich immer mehr "kirchenbuchfremde" Einträge einarbeitete (Stichwort: Standesamt), und an dem auch immer mehr "Abtrünnige" auftauchten, also Menschen, die zum Beispiel in Werther geboren waren und in Dornberg geheiratet hatten, nur um sich dann in der Bielefelder Innenstadt niederzulassen und dort zu sterben. Da ist es angebracht, auch die Dornberger und Bielefelder Quellen zu nennen, und zwar unabhängig davon, ob es sich um einen Eintrag im Kirchenbuch handelt oder nicht.

Und was passierte dann?

Plötzlich störte es mich, dass ich nicht auch die Wertheraner Kirchenbücher als Quellen erfasst hatte. Wie aus heiterem Himmel.

Beim zweiten Nachdenken habe ich mich dann entschlossen, keine halben Sachen zu machen und die Quellen nachzuarbeiten. Und zwar nicht, um noch mehr Seiten voll zu bekommen. Sondern weil mit der Zeit auch einfach meine eigenen Ansprüche an dieses Projekt, das mal so simpel aus einer Laune heraus entstanden war, gestiegen sind (ich gehöre anscheinend zu denen, die mit dem Alter ehrgeiziger werden...). Ich will der Vollständigkeit so nahe kommen wie möglich und meine Arbeit damit aufwerten. Und wenn jemand anders mal Auszüge in die Hand bekommt, wird es für denjenigen auch einfacher.

Um die Anzahl der Fußnoten wenigstens etwas im Zaum zu halten, habe ich inzwischen auch da mein eigenes System gefunden: Werthers Gedächtnis ist ja nach Familien aufgebaut. Die Quellen der Geburten der Kinder finden sich also nur bei der Stammfamilie und nicht noch einmal dann, wenn sie in Werther auch noch heiraten. Quellen für Geburtseinträge finden sich bei Elternpaaren also nur dann, wenn sie selbst nicht in Werther geboren sind. Und wenn ein Kindelein in Werther getauft ist, dann ergibt sich ja schon aus der Quelle des Geburtseintrags (Kirchenbuch), dass in dem genannten Eintrag auch die Taufe mit dringestanden haben muss. Entsprechendes gilt bei Sterbeeinträgen mit den Beerdigungen.

Auf diese Weise bekommt man es hin, dass man nicht mit einem Stapel Papier endet, der hauptsächlich nur aus Fußnoten besteht.

(Ach ja, ich hatte auch schon mal kurz in Erwägung gezogen, aus sämtlichen Fußnoten Endnoten zu machen, aber das fand ich optisch nur noch grausamer. Und es machte alles aus meiner papieraffinen Sicht noch unübersichtlicher. Also hab' ich's gelassen. Basta.) 

Mir ist schon klar, dass ich mir damit im Nachhinein noch eine Menge Mehrarbeit eingefangen habe. Aber was soll's - mir macht es eben immer noch Spass, die alten Wertheraner zusammen zu puzzeln.